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Laudatio auf Benedikt Leßmann, Preisträger der Jahres 2014 – Von Peter Hagmann (NZZ)

Peter Hagmann bei seiner Laudatio. Foto: Petra Basche

Peter Hagmann (NZZ), Jury-Vorsitzender des Reinhard-Schulz-Preises für zeitgenössische Musikpublizistik, hielt anläßlich der Verleihung 2014 an Benedikt Leßmann folgende Laudatio.

«Schlagt ihn tot, den Hund. Es ist ein Rezensent.» Der Ausruf wird Ihnen bekannt sein, meine Damen und Herren. So bekannt wird er Ihnen sein, dass ich nicht umhin kann, Ihnen an dieser Stelle das Gedicht, dem er entstammt, zur Gänze vorzutragen. «Rezensent» heisst es, ganz einfach, und es lautet:

Da hatt ich einen Kerl zu Gast, / Der war mir eben nicht zur Last; / Ich hatt just mein gewöhnlich Essen, / Hat sich der Kerl plumpsatt gefressen, / Zum Nachtisch, was ich gespeichert hatt. / Und kaum ist mir der Kerl so satt, / Tut ihn der Teufel zum Nachbar führen, / Über mein Essen zu räsonieren: / «Die Supp hätt können gewürzter sein, / Der Braten brauner, firner der Wein.» Der Tausendsackerment! / Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.

Das ist nicht der Geheimrat Goethe, der da spricht, es ist der 25jährige Jungspund Goethe, der sich 1774 seinen Ärger über eine vermutlich wenig schmeichelhafte Besprechung seines neuen Dramas «Götz von Berlichingen» von der Seele schrieb. 240 Jahre sind seither vergangen, doch das Bild vom Kritiker, das diesen Zeilen Pate stand, könnte von heute sein. Da setzt sich also einer – und nicht gerade der Sympathischste, sondern ein «Kerl» – an den Tisch und schlägt sich den Bauch voll, um anschliessend im Haus nebenan kein gutes Haar an der notabene ohne Kostenfolge verschlungenen Mahlzeit zu lassen. Der Kritiker als Schmarotzer, der sich in seinen Gratissessel fallen lässt und sich dann noch erlaubt, das Gebotene für wenig tauglich zu halten – versteht sich, dass man einen solchen Zeitgenossen am liebsten die Treppe hinunterstossen möchte. Ich komme gerade von den Salzburger Festspielen und weiss, wovon ich spreche – davon nämlich, dass man dort für Anna Netrebko und sonst nichts in der teuersten Kategorie seine 440 Euro pro Platz hinlegt und dann natürlich, bitte schön, am übernächsten Tag keinesfalls lesen möchte, dass ausser Anna Netrebko tatsächlich nichts war. Jedenfalls kein «Troubadour».

Aber ist das nicht alles kalter Kaffee? So war es doch immer; so war es zu Goethes Zeit, so war es in den Boomjahren der klassischen Musik nach 1990, als die CD aufkam und die Konzerne volle Taschen hatten. Heute aber, meine Damen und Herren, heute ist es tatsächlich anders, ganz anders. Die gedruckten Zeitungen, namentlich die überregionalen Qualitätsmedien, die der Musikkritik die zentrale Plattform stellen, sie leiden an der digitalen Revolution – und sie leiden so, wie sie es wohl noch überhaupt nie getan haben. Und die sogenannte klassische Musik gerät raschen Schrittes an den Rand, weil im Zeitalter der Einschaltquoten, will sagen: der Klickzahlen, ihre Nicht-Mehrheitsfähigkeit, ja ihre Nicht-Mehrheitswilligkeit offenkundiger ist denn je. Ihr Publikum, so wird behauptet, altere schneller als die Menschheit im allgemeinen; wenn nicht die dringend benötigte Blutauffrischung durch junge Zuhörerinnen erfolge,  werde es bald ausgestorben sein. Und die Musik selbst – eine Kunst, deren Rezeption Einlässlichkeit erfordert und vielleicht sogar eine Spur Vorkenntnisse – die Musik selbst steht quer zu dem auf raschen Konsum und Multitasking ausgerichteten Mainstream. Wenn nicht neue Formen der Präsentation erarbeitet würden, ja mehr noch: wenn das Konzert nicht grundlegend neu erfunden werde, dann werde die klassische Musik bald nur noch zur Vertreibung von Pennern dienen.

Keine Sorge, meine Damen und Herren, das Zynisieren und Lamentieren nimmt demnächst ein Ende. Anmerken wollte ich aber doch noch, dass der Musikkritiker angesichts dieser Verhältnisse ein anderes, neues Selbstverständnis gewinnen muss. Er kann sich nicht mehr länger in der überkommenen Rolle Beckmessers gefallen, den man knapp toleriert, den man aber am liebsten zum Teufel jagte. Nein, er muss zum Komplizen werden und einsehen, dass er im selben Boot sitzt; er muss der angeblich sterbenden klassischen Musik selbstbewusst die Stange halten, junge Pflänzchen sorgsam pflegen und schon gewachsenen Pflanzen in liebevoller Anteilnahme begegnen – das ist alles sehr heikel, weil es jene Distanz betrifft, die Kritik überhaupt erst möglich macht. Dazu kommt, dass es inzwischen auch in einem so honorig bürgerlichen Blatt wie der «Neuen Zürcher Zeitung» fast mehr Energie braucht, eine grosse Konzertkritik prominent zu placieren als diese Kritik zu schreiben – und prominent heisst hier: auf der Aufschlagseite des Feuilletonbundes und auf der Website ganz vorne. Konzertkritiken interessieren niemanden, heisst es, sie sind das Gegenteil von cool und sexy, sie haben nicht einmal einen Empfehlungswert, denn wenn sie erscheinen, sind die kritisierten Konzerte längst Geschichte. So denken die Zeitungsmacher, die hierbei in der Regel wenig Ahnung, aber viel Meinung haben. Allein, wenn es aus ist mit der Konzertkritik, dann verlöscht auch das Licht im Konzertsaal. Ohne Kritik keine Musik, es ist ganz einfach und alles andere als überheblich. Die Musikkritik bildet den öffentlichen Resonanzraum für die Musik. Gibt es diesen Raum nicht mehr, resoniert auch nichts mehr. Davon sind dann auch Sie betroffen als Zuhörerinnen und Zuhörer. Und Sie als Komponistinnen und Interpreten.

In einer solchen Situation kann man glücklich sein, wenn es jemanden gibt wie Benedikt Lessmann, der hier und jetzt den Reinhard-Schulz-Preis für zeitgenössische Musikpublizistik des Jahres 2014 erhält. Die Jury – doch gemach, jetzt ist zuerst der Moment da zu danken: Anke Kies, der Witwe des von uns allen sehr geschätzten, viel zu früh verstorbenen Kollegen Reinhard Schulz, für die Idee zu diesem Preis, der Schneider-Forberg-Stiftung und dem Förderverein des Internationalen Musikinstituts Darmstadt für die Finanzierung, diesem Musikinstitut,  seinem Direktor Thomas Schäfer und seinem Team, für die Durchführung des Preises sowie Eleonore Büning, Daniel Ender, Stefan Fricke und Björn Woll, meinen Kollegen in der Jury, für die konstruktive Arbeit. Die Jury hat also aus insgesamt neunzehn Einsendungen das Dossier von Benedikt Lessmann ausgewählt, und sie hat dafür ihre Gründe.

Zum ersten zeichnet sie einen jungen Kollegen aus, der sie mit seinen wertvollen Beiträgen zu musikalischen Themen in der «Leipziger Volkszeitung» überzeugt hat. Ja, Benedikt Lessmann ist seit Herbst 2009 in dieser herkömmlichen. nämlich gedruckten Tageszeitung als freier Autor tätig. Früh hat er damit angefangen, im Alter von 25 Jahren nämlich – und das ist gut so. Wie der Pianist seine Stunden und Stunden des Übens, braucht der Musikkritiker Konzert um Konzert, Opernabend um Opernabend, bis sich seine Persönlichkeit entfaltet und sein Handwerk Früchte trägt. Benedikt Lessmann ist auf diesem Weg schon eine bemerkenswerte Strecke vorangekommen. Wir in der Jury kommen ja alle aus der Praxis, auch aus der Praxis der Redaktion. Und wir waren einer Meinung darin, dass sich die Texte unseres Preisträgers ganz ausgezeichnet lesen.

Zum zweiten sieht die Jury in Benedikt Lessmann einen jungen Kollegen, der Kompetenz in der Sache mit allgemeiner Zugänglichkeit in der Formulierung zu verbinden versteht. Er weiss, wovon er spricht. Er ist Musikwissenschafter, ausgebildet an der Universität Leipzig und dort noch mit einer Dissertation befasst. In einer Zeit, da es wichtiger geworden scheint, über den Tellerrand hinauszublicken, als zu wissen, was sich auf dem Teller befindet, ist diese Verankerung eine Wohltat. Zumal wenn sie gerade nicht durch eine abgehobene Sprache demonstriert wird, wenn die Sprache vielmehr allgemein verständlich bleibt und die sachliche Zuständigkeit aus sich selbst heraus erkennen lässt.

Zum dritten schätzt die Jury an Benedikt Lessmann die Fähigkeit, Meinung, Information und Animation in ein und demselben Text zusammenzubringen. Die Meinung – und wenn ich das ausspreche, denke ich nochmals an Reinhard Schulz, der nie ein Blatt vor den Mund genommen hat –, die eigene und durchaus subjektive Meinung als das Herzstück der Musikkritik steht ja nicht für sich selber. Sie bildet vielmehr Voraussetzung und Ausgangspunkt für die reflektierende Begründung. Es ist diese Reflexion, welche die Daseinsberechtigung von Musikkritik ausmacht. Sie vermittelt Information – Musikkritik ist ja ein Kind der Aufklärung. Sie bringt Anregung – Musikkritik enthält stets auch eine Einladung, ein Moment der Motivation, in diesen heiklen Zeiten ist das von besonderer Bedeutung. Und sie schafft Kommunikation – Musikkritik fördert die wache, eigenkreative Anteilnahme am musikalischen Kunstwerk, sei es Komposition oder Interpretation.

Zum vierten und letzten schliesslich zeichnet die Jury einen jungen Kollegen aus, weil er sich nachhaltig für die neue Musik im weitesten Sinn engagiert. Leipzig ist eine grossartige Musikstadt mit einer stolzen Vergangenheit und einer wertvollen Gegenwart. Als einer der Umschlagplätze für die Musik unserer Zeit ist diese Stadt aber noch nicht bekannt geworden, da muss die Handelsmetropole Kleinstädten wie Darmstadt oder Donaueschingen den Vortritt lassen. Dass sich Benedikt Lessmann in diesem Umfeld so prononciert für die musikalische Gegenwart einsetzt, kann ihm nicht hoch genug angerechnet werden. Auch darum, als Zeichen der Unterstützung aus dem Kreis der Kollegen und als Zeichen nach aussen, hinein in den Wirkungskreis, erhält er jetzt diesen schönen Preis. Lieber Benedikt Lessmann, ich gratuliere Ihnen sehr herzlich. Und Ihnen, meine Damen und Herren, danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.

13.08.14 / Peter Hagmann

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