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Laudatio auf Theresa Beyer, Preisträgerin des Jahres 2016 – Von Peter Hagmann (NZZ)

Laudator Peter Hagmann (NZZ) bei der Preisverleihung 2016. Foto: Hufner

Wenn man in die Sendung einsteigt, meine Damen und Herren, wenn man, liebe Theresa Beyer, in Ihren Beitrag über Louis Andriessen einsteigt, wie er früh in diesem Jahr vom Deutschschweizer Rundfunk ausgestrahlt wurde, wird man akustisch auf einen Spaziergang mitgenommen. Man begleitet Sie, die Autorin, auf Ihrem Weg zum Atelier des Komponisten in Amsterdam. Man hört Sie den Kanälen entlang gehen, lauscht den Schilderungen Ihrer Umgebung, später nimmt man wahr, wie Sie bei Herrn Andriessen klingeln und ihm durch die Gegensprechanlage antworten, schliesslich betreten wir als unsichtbare Begleiter das Atelier, wo wir umgehend an der Begrüssung teilnehmen. Die Idee für einen solchen Anfang muss man erst einmal haben.

Sie wissen ja, meine Damen und Herren: der Einstieg, der erste Satz. Er zählt zum Wichtigsten in einem Text oder in einer Sendung aus dem Bereich der Musikkritik – und ich verstehe «Musikkritik» hier in einem explizit breiten Sinn, quasi als Synonym zu der «Musikpublizistik», der der Reinhard-Schulz-Preis gewidmet ist. Mit dem Einstieg müssen die Leserinnen und die Zuhörer eingefangen werden, das ist ein entscheidender Moment im Kampf um das knappe Gut der Aufmerksamkeit. Im Radio häufig ist da die Verwendung eines sogenannten O-Tons, eines Tondokuments vom Schauplatz des verhandelten Geschehens – als Signum der Unmittelbarkeit ist das sehr beliebt. Der O-Ton, den Theresa Beyer gewählt hat, ist freilich ganz anders, ganz eigen. Er führt die Erzählerin ein, die uns durch die von ihr gestaltete Sendung begleitet, er ermöglicht uns eine gleichsam persönliche Kontaktaufnahme mit ihrem Gegenüber, mit dem von ihr befragten Komponisten, und er schafft eine Atmosphäre von grossartiger Farbigkeit und intensiver Präsenz. So behält man den Zuhörer im Boot – denn klar: Wenn man schon unterwegs ist mit Theresa Beyer, möchte man doch in jedem Fall wissen, wohin die Reise führt.

Nähe – das ist es, wofür dieser Einstieg steht. Und Nähe hat besonderes Gewicht im Genre der musikalischen Publizistik, in verschiedenster Hinsicht. Nähe zunächst im Sinne der Vertrautheit mit dem Gegenstand. Sich über Musik zu äussern, in welchem Medium auch immer, in welcher Form auch immer, setzt Kompetenz voraus. Theresa Beyer, aus Leipzig stammend, inzwischen in Bern lebend und wirkend, hat sich die Kompetenz erworben durch einen Master in Musikwissenschaft. Wie sehr sie sich auskennt in der Materie, zeigen ihre Arbeiten – nur so, nur auf dieser Basis kann sie unbefangen, frei und natürlich dem bedeutendsten lebenden Komponisten der Niederlande begegnen. Das wiederum ist die Voraussetzung für die andere Form der Nähe, für die menschliche Nähe. Ich weiss, von den Managern in den Redaktionen wird gefordert, den Menschen, den Künstler ins Zentrum zu stellen, nicht die Kunst, das Werk; die Begegnung mit dem Menschen wirke stärker, will sagen: stärker verkaufsfördernd als das Nachdenken über die Kunst. In dem Porträt, das Theresa Beyer dem Komponisten Louis Andriessen widmete, verbinden sich die beiden Seiten der Medaille. Ihre Sendung bringt einem den Menschen nahe, das Gespräch macht einen aber auch ganz konkret mit seiner Kunst bekannt.

Genau darum hat der Einstieg seine Triftigkeit. Denn was vordergründig vielleicht als ein simpler Schritt von der Aussenwelt der Strasse in die Innenwelt des Komponistenateliers erscheinen könnte, ist mehr als das; es spiegelt eine künstlerische Haltung. Die Verbindung zwischen aussen und innen entspricht ästhetischen Grundauffassungen des Komponisten. Ein in der Wolle gefärbter Achtundsechziger, hat Louis Andriessen seine Kunst nie im Elfenbeinturm gepflegt; die Musik unserer Zeit, wie er sie versteht und komponiert, tritt für ihn jederzeit in enge Verbindung mit der Welt, mit der Gesellschaft, in der und für die sie entsteht. Das macht Theresa Beyer fassbar. Und so etwas muss einem erst gelingen.

Dass es gelungen ist, macht Freude, ganz besonders in diesen Zeiten. Im Alltag der Medienlandschaft nämlich wird das Sprechen über Kunst-Musik, über alte Musik, über klassisch-romantische Musik, erst recht über neue Musik, immer stärker an den Rand gedrängt; selbst führende grossbürgerliche Blätter – sofern von Bürgertum überhaupt noch die Rede sein kann – haben sich inzwischen diesem fatalen Trend angeschlossen. Der Entwicklung zugrunde liegt gewiss ein Wertewandel, der das Gebäude der etablierten Künste im Ganzen bedroht – und dagegen scheint kein Kraut gewachsen. Wer sich im Bereich der musikalischen Publizistik umtut, kann zugleich aber nicht verhehlen, dass die Probleme auch mit dem Metier selbst zusammenhängen. Es gibt in der Musikkritik zu viel lauwarmes Wasser: zu wenig Meinung (und zur Meinung gehört bekanntlich Ahnung), zu wenig Risikobereitschaft (die stets mit kämpferischem Geist einhergeht), auch zu wenig formalen Willen und Formulierungslust. Man kann über Marcel Reich-Ranicki denken, was man will, aber sein Mut zum Urteil und seine Brillanz in der Argumentation haben doch gezeigt, was im Prinzip möglich ist. Und wenn man erst denkt, was in der Theaterkritik der Weimarer Republik los war, quantitativ wie qualitativ, kann einem schon weh ums Herz werden.

In diesem Grau in Grau von heute – das ich keinesfalls überstrapazieren will – gibt es aber doch einige Ausnahmeerscheinungen, und zu ihnen gehört Theresa Beyer. Sie weiss, wovon sie spricht, und sie spricht so lebendig, dass man zuhört. Sie arbeitet multimedial: für den Rundfunk, und dort mit einem Schwerpunkt, aber auch für Medien, die auf die Schrift setzen. Sie wendet sich ganz selbstverständlich der Musik unserer Zeit zu, weil die neue Musik, wie sie von sich selber schreibt, «ein Seismograph der Gesellschaft ist und politischer Kommentar sein kann.» Und in dieser Hinwendung zur Gegenwart pflegt sie einen ausgesprochen weiten Blickwinkel. Sie sieht «ein grosses Potential der neuen Musik an den Schnittstellen mit der Pop-Musik», und sie beobachtet, wie die «neue Musik auch ausserhalb der klassischen Avantgardezentren, Förderstrukturen und Konzerträume blüht.» Das sind Denkansätze, die man nur unterschreiben kann. Und zusammen mit dem Einfallsreichtum, wie ihn die Sendung über Louis Andriessen erkennen lässt, auch zusammen mit ihrer Mitwirkung an der Initiative «Norient – Network for Local and Global Sounds and Media Culture» ergibt das ein ausgesprochen vielversprechendes Profil.

Das ist, wofür der Preis im Andenken an den unvergessenen Kollegen Reinhard Schulz einsteht. Wir können dankbar sein dafür, dass es diesen Preis gibt und dass er Entdeckungen solcher Art möglich macht. Ich für mein Teil möchte noch persönlich danken: einerseits Anke Kies für den Anstoss zu diesem Preis im Gedenken an ihren viel zu früh verstorbenen Gatten, andererseits dem Internationalen Musikinstitut Darmstadt für die vorbildliche Durchführung. Sehr verbunden bin ich auch meinen Kolleginnen Lydia Jeschke, Christine Lemke-Mattwey und Elisabeth Schwind sowie meinem Kollegen Stefan Fricke für die einvernehmliche Arbeit in der Jury. Genug der Worte. Liebe Theresa Beyer, ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu diesem Preis. Und Ihnen, meine Damen und Herren, danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.

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