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Laudatio Wolf Loeckle

Wolf Loeckle bei seiner Laudatio. Foto: Petra Basche (HuPe-kollektiv)

Wenn einer weiß, dass er nichts falsch machen darf, flacht die Intensität der Interpretation unausweichlich ab. Geht ein Gutteil der Konzentration doch in den Perfektionswahn. Früher waren die Menschen in solchen Zusammenhängen durchaus milder... Der Druck, den die Marke perfekt und fehlerfrei auslöst, vorgegeben von der perfekten Studioproduktion - vor Augen und Ohren der Techniker - setzt Maßstäbe. Den Kontrast bietet das direkte Konzert in frontaler Begegnung mit dem Publikum. Und da wie dort werden Stress-Hornone produziert. Das Live-Konzert leidet darunter. Denn der Perfektionswahn des CD-Zeitalters überhört ja kei-nen noch so kleinen Fehler. Die heutige Ausprägung des Konzert-betriebs, so wie sie in ihrer Vermarktung und Aufbereitung mit Print-Produkten und Audio-Ansagen aus früheren Zeiten auf uns kam, erlebt sich aktuell im Wahn der allerorten ausufernden Trimedialität. Diese aktuelle Realität der Künstler-Beobachtung durch die Medien – fast schon aus der Schlüssellochperspektive - lässt Spontaneität und musikalische Intensität abflachen. Die Angst vor Fehlern schiebt sich vor die musikalische Kraft. Das lässt sich im Vergleich zwischen dem direkten Konzert und der technischen Reproduktion desselben durchaus konstatieren. Braucht es dafür den Musikkritiker?

Gutenabend also meine Damen und Herren inmitten der Verleihung des reinhard-schulz-kritikerpreises-für-zeitgenössische-musikpublizistik, Ausgabe eins anno zwanzigzwölf.

Das Zeitalter der Kritiker-oder-auch-Kritik-Päpste ist (aktuell immerhin)  vorbei. Zwar leben im deutschsprachigen Raum noch plus/minus zwei Persönlichkeiten, die diesen Titel angemessen repräsentieren. Wenn-gleich auch kaum noch aktiv: das sind Marcel Reich-Ranicki und Joachim Kaiser. Beide konnten künstlerische Karrieren befördern. Beide konnten Lebensplanungen vernichten. Der eine via Frankfurter Allgemei-ne Zeitung, der andere in den Spalten der Süddeutschen Zeitung aus München. Für beide Blätter war Reinhard Schulz tätig - neben der neuen musikzeitung und vielen anderen Organen. An ihn denken wir intensiv, hier und jetzt. In einem Zeitalter, das nach Meinung eines großen Teils nachwachsender Kulturarbeiter viel besser ohne Kritiker auskommt. Reicht es nach deren Weltsicht doch vollkommen aus, sich die Quantität der Meinungen reinzuziehen, die bei twitter, facebook und Konsorten fürsorglich deponiert sind. Irgendwie grauenvoll massenhaft. Und un-übersehbar. Ganz frei geht es da zu. Frei von Kenntnis, Wissen, Kompetenz - nicht nur zuweilen. Aber völlig spontan eben. Ein fundamentaler, rein qualitativer Unterschied zwischen profundem Profi-Urteil und schnelllebig hingesetzter Schnell-Schuss-Meinung wird bleiben. Das ändern nicht einmal die Quotenpressionen... Diese Thematik soll nicht hier, verehrte Gäste, und auch nicht jetzt vertieft werden. Solche Tiefenschau kann sich immer noch an anderen Stellen ereignen. Ich denke aber, Sie alle - und auch wir alle von der Jury des Preises - setzen auf die Erfahrung, die Urteilskraft, die Moral professionell-kulturkritisch urteilender Zeitgenossen, die ein Riesenrepertoire an Erfahrung mit-bringen. Im Widerstreit mit ihrer Klientel. Im Konsens zuweilen. Wobei wir alle zusammen am Urteil einer breiten, einer hellwachen Öffentlich-keit tatsächlich interessiert sind. Die Einbindung des virtuell verteilten social-media-know-hows, die dort deponierte Fühligkeit und Emotion des Zeitgeistes, vermitteln Ergänzendes, Abrundendes zum Thema Zeitgenossenschaft. Das schon. Ein Erreichen-Wollen von Objektivität freilich bleibt wohliger Wahn. Und: Quoten-Quantität ersetzt nicht die Qualität der Kompetenz. Doch von solcher Quoten-Potenz muss sich heute fast Alles in die Knie zwingen lassen. Seien es die rapide schrumpfenden Kultur-An-Teile von Boulevardzeitungen oder die Musikprogramme öffentlich-rechtlicher Sender. Die erfüllen zwar ihren jeweiligen und gesetzlich festgeschriebenen Kulturauftrag. Bei vermeintlich sperriger Ware allerdings weithin unter Ausschluss der Öffentlichkeit, so zwischen zweiundzwanzig Uhr und zwei Uhr morgens... Dass umfänglichere Gedankenstränge nach Art von Kritikerpäpsten wie Eduard Hanslick oder Hans Heinz Stuckenschmidt heute als Material für den Papierkorb durchgehen, ist eine Tatsache, die der Realität mancher Feuilletons die Schamröte ins Gesicht treiben müsste. Um da anregend und motivierend zu wirken, soll ab heute der hier zu vergebende Preis wirksam werden. Nicht zum Umgang mit langen Schachtel-Sätzen soll da motiviert werden, nicht zur Intelligenz-Protzerei soll da aufgerufen werden. Oder zur Dominanz gar der Drei-Worte-Sätze. Ein wenig Respekt vor Geleistetem darf sich motiviert fühlen. Achtung vor Stücken oder Werken oder Dargestelltem müsste sich angeregt fühlen. Vor solchem Hintergrund hat es die Jury sich nicht leicht gemacht. Immer auch den Geist eines Reinhard Schulz im Sinn. Der ja als BR-und-ARD-Autor, als Musikkritiker weithin im deutschsprachigen Raum präsent war. Als Musikfest-Mitmacher bei den Klangspuren in Tirol etwa setzte er seine unverwechselbaren Spuren, als einer mit Mut zur eigenen Meinung, frei vom Kriechertum diverser Szenen. Differenzierende Ge-nauigkeit, Offenheit für theoretische Ansätze und musikalische Um-setzungen waren der Qualitätsstandard der Schulz´schen Urteile. Was schwach war nannte er schwach. Und wenn etwas gut war, sagte er es auch. Ohne Umschweife. Fast immer in zwingender Begründung. Und wenn das Mitdenken bei uns nicht auf Anhieb klappte, lernten wir daraus, davon – im Weiterdenken. Die Jury hatte es mit zwanzig Einreichungen zu tun. Da war viel Gutes bis sehr Gutes dabei, jeder hatte so seinen Favoriten. Wie das üblich ist in solchen Runden. Wir haben diskutiert. Eindeutigkeit, Unteilbarkeit des Preises waren vereinbart. Auf Patrick Hahn konnten wir uns aus Überzeugung verständigen. Seine profunde Offenheit neuen Inhalten und Medien gegenüber, die keineswegs irgendein anything goes  zum Fundament hat, kann Beispielgebend wirken. Die kenntnisreiche Ideologiefreiheit beim Verfertigen seiner analysierenden und wertenden Gedanken übt einen Sog aus. Die tiefe, ernste, leicht lesbare Sprache bringt den der Freude darüber innewohnenden Erkenntnisgewinn ans Tageslicht. Wie viel Arbeit ein leicht lesbarer Artikel macht, der trotzdem nicht leichtgewichtig daher kommt, das kann nur der in Echt ermessen, der diesen Weg der Leiden aus eigenem Erleben und Erfahren bestens kennt... Wenn also Einer die Angelegenheiten der Musik so scheinbar leicht - das Leichte ist bekanntlich das Schwerste (und nicht nur Mozart wusste das) -; wenn Einer das also so leicht und transparent und verantwortungsvoll und lustvoll, so phantasievoll, spannend und in sich stimmig und musikalisch vor Augen und in Hirne bringt, dann hat er den Preis - Dank an die Ausloberin Anke Kies, Dank an die Schneider-Forberg–Stiftung und Dank an Montblanc und Dank an alle Partner - wahrhaft verdient. Herzlichen Glückwunsch an Patrick Hahn.

Die nächste Ausgabe des reinhard-schulz-preises-für-zeitgenössische-musikpublizistik  veranstaltet in zwei Jahren einer unserer Part-ner. Welcher - das wird sehr rechtzeitig bekannt gegeben. Dank geht hier besonders für die Durchführung des ersten Jahrgangs sehr herzlich, sehr intensiv an die Kunstuniversität Graz. Vor allem an Sieglinde Roth. Sie hat die Arbeit gemacht. Und wirklich gute Ideen eingebracht. Dank geht auch an OE1, an das musikprotokoll sowie an den steirischen herbst.  DANK also in alle Himmelsrichtungen.

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