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Symptome der Verarmung

Die Musikkritik steckt heute in der Krise

Grundsätzlich darf man sich natürlich fragen, wie notwendig die Musikkritik für ein florierendes Musikleben ist – oder ob sie nicht schon immer einen Jahrmarkt der Eitelkarten darstellt, auf dem allenfalls Trends des Musikmarktes und sein interner Vernichtungskampf widergespiegelt werden. Georg Kreisler hat ja in seinem Lied vom Musikkritiker solches ironisch angedeutet:

„Ich hab zwar ka Ahnung, was Musik ist,
Denn ich bin beruflich Pharmazeut,
Aber ich weiß sehr gut, was Kritik ist:
Je schlechter, um so mehr freun sich die Leut.“

Ja, ja, da ist schon etwas Wahres dran. Und dennoch besäße unser Musikleben ohne diejenigen Kritiker, die schon eine Ahnung davon haben, was Musik ist, nicht die heute herrschende, sinnlich-geistige Vitalität unter den Musikern wie auch im Publikum, auf die wir durchaus stolz sein können. Denn Musikkritik, nimmt sie ihren Auftrag ernst, ist immer Mitstreiter im Dienste der Musik und ihrer Neuerungen. Hier vermag sie Brücken hin zum besseren Verständnis bauen, kann Vorurteile aufweichen und abbauen, Umfelder beleuchten und das Wollen des Künstlers näher bringen, Hinweise auf Entdeckungen geben – und vieles mehr. Dass die zeitgenössische Musik nach dem Zweiten Weltkrieg, die sich, aus welchen Gründen auch immer, dem allgemeinen Musikverständnis versperrte, als wichtige Position im Gedächtnis blieb ist nicht zuletzt Verdienst einer sich emphatisch für die Sache einsetzenden Musikkritik. Man darf deswegen die Zeit von, sagen wir, 1950 bis in die 80er Jahre als eine Hochphase der kritischen Musikbetrachtung ansehen. In den Feuilletons fast aller repräsentativen Zeitungen nahm Musikkritik, vor allem auch in der Auseinandersetzung mit neuen Ansätzen, eine zentrale und maßgebliche Stellung ein. Doch dann gab es einen Bruch.

Es ist ein Bruch den wir überall in den Feuilletons beobachten können. Besprechungen von Musik findet sich meist nur noch am Rande – mit Ausnahme der Opernkritik, die aber in erster Linie Inszenierungskritik ist (neben ein paar flüchtigen Anmerkungen zu Qualität von Orchester und Sängern). Zusammenhängen dürfte dies mit dem Antritt einer neuen Kritikergeneration, in der Ereignisjournalismus höher eingeschätzt wird als Sachjournalismus. Event und Lifestyle spielen die maßgebliche Rolle, hinzu kommt die These vom Menschen als primären Augenwesen, der auch über Zeitungen primär mit visueller Information gefüttert werden will (übrigens: diese These wurde einfach unhinterfragt in den Raum gestellt angesichts von Fernsehen, Film, Video, DVD, Multi-Media etc.; dass sich die meisten Jugendlichen heute stundenlang mit ihrer Musik via Walkman oder iPod umgeben, dass also das Ohr mindestens ebenso intensiv von medialen Reizen umgeben wird, spielt in dieser Argumentation allenfalls eine untergeordnete Rolle). In dieser Welt, die sich mehr über Quoten als über Qualität definiert, spielt ernsthafte Musikkritik, zumal solche die sich mit dem „Randphänomen“ Avantgarde befasst, eine immer geringere Rolle.

Das entwickelte in den letzten Jahren eine Eigendynamik und es steht zu befürchten, dass ein profundes, kritisches Betrachten musikalischer Entwicklungen zur Randexistenz verkümmert. Fachfremde Journalisten (in der Regel sehr sprachbegabt, flott und mit spitzen Formulierungen schreibend) nehmen sich immer mehr der musikalisch als Großereignis eingestuften Veranstaltungen an und berichten über sie aus der Haltung des Szenebeobachters heraus. Die Musik wird nach ihrer Wirkung auf das versammelte Publikum hin befragt, eine kritisch analytische Sichtung der Struktur, ihrer Potenziale, ihrer Stellung zum ästhetischen Denken der Zeit fällt demgegenüber unter den Tisch.

Und somit droht sich langsam die ganze Landschaft zu verändern. Sätze wie „Ich muss über Musik nicht nachdenken, sie soll mir einfach gefallen“ werden unhinterfragt übernommen und setzen sich in den Köpfen der Veranstalter, der Musiker und nicht zuletzt der Hörer fest: zudem mit der Überzeugung, das musikalische Geschehen wieder auf seine Grundvoraussetzungen zurückzuführen. Es ist ja wirklich so: Musik muss gefallen, sonst wäre der Konzertbesuch eine Selbstkasteiung und etwas für Masochisten. Aber das Gefallen ist eine in sich widersprüchliche Einheit, impliziert auch die Reflexion und verkümmert, wenn es allein beim Wellness-Feeling bleibt.

Musikkritik, die eine selbstherrliche Macht ist, ist für das Musikleben ebenso eine Gefahr, wie ihr Niedergang zur Event-Berichterstattung. Gegenüber ersterem hat man die Waffe des Humors (siehe Kreisler), ihre Verlotterung aber kann man nicht so recht auf bissige Art aufspießen. Man kann nur die sich einstellenden Defizite hervorheben und dann hoffen, dass diese Defizite in breiteren Kreisen als wichtig erachtet werden. Als so wichtig, dass sich Widerstand gegen die Aufweichung der Musikkritik einstellt. Es wäre eine Aufforderung zur musikalischen Reflexion, ein Sich-Bewusstmachen, dass musikalischer Genuss auch eine Frage des kontemplativen Umgangs mit dem Gehörten ist. Viele Feuilletons sehen dieses Faktum heute immer unschärfer und immer weniger dringlich. Sie tragen damit dazu bei, dass Musik-Hören auf die Ebene des privaten Geschmacks oder auf die des gemeinsamen Gruppenvergnügens absinkt. Es kann aber viel mehr, viel reicher sein.

Der offensichtliche Niedergang der Musikkritik ist gewiss nur ein Aspekt innerhalb des gesellschaftlichen Trends. Aber es ist fraglos ein markanter, einer, der heute besonders ins Auge fällt. Und es steht zu befürchten, dass, wenn diese Entwicklung nicht aufgehalten wird, auch andere Bereiche wie die Qualität der Interpretation und auch der Komposition davon betroffen werden. Diese Verarmung aber, die uns alle angeht, wollen wir nicht.

Reinhard Schulz (11. April 2008)
Erschienen in Spuren | Zeitung für Gegenwärtiges, Ausgabe Mai 2008