29. Juli 2021 Reinhard-Schulz-Preis

Dankesrede Friedemann Dupelius

Der Klangkünstler Peter Cusack, der sich selbst als Sonic Journalist bezeichnet, dokumentierte vor einigen Jahren die Sperrzone von Tschernobyl mittels Tonaufnahmen. An einer scheinbar stillgelegten Stromleitung hörte er ein elektrisches Knistern. Cusack begann zu recherchieren und fand heraus, dass noch immer Elektrizität nach Tschernobyl geleitet wird. Das Knistern, das sein aufmerksames Ohr aufschnappte, führte ihn zu der Erkenntnis, wie lange es dauert, einen Kernreaktor komplett abzuschalten.

Genau darum geht es mir in meiner Arbeit und genau das kann zeitgenössische Musikpublizistik leisten: Die Welt mit den Ohren wahrzunehmen und auf ein aufmerksames Hören hinzuweisen. Ein Hören, mit dem man auch auf Phänomene stößt, die den musikalischen Bereich überschreiten. Die Auseinandersetzung etwa mit synthetischen KI-Stimmen verrät viel über unser Verhältnis zu aktueller Technik. Musik, die sich alltäglicher Technologie bedient– oder solcher, die es bald werden wird –, hilft uns, eben diese besser einzuordnen und eine Beziehung, eine Haltung zu ihr zu entwickeln.

Heute, da digitale Konzertformate oft nur wenig überzeugen, gewinnt plötzlich ein altehrwürdiges Medium an Relevanz: Radio, das geht auch mit Abstand. Wir beobachten den rasanten Aufstieg desPodcast-Formats in den letzten Jahren, in dem auch diese Preisverleihung stattfindet. Podcasts bieten die Chance für einen vielstimmigen Diskurs über Musik, Kunst und Gesellschaft, auch jenseits etablierter Kanäle. Auch die Klänge und Stimmen aus zuvor wenig beobachteten Regionen des Globus dringen zunehmend zu uns. Ebenso hier gilt es, hinzuhören, und den Kontakt zum westlichen Publikum herzustellen.

Eng mit der Entwicklung des Rundfunks einher geht die Elektronische Musik, die einen Schwerpunkt meiner Arbeit bildet. Ich finde, gerade experimentelle elektronische Musik, die neue Technologien aufgreift und ästhetisch umdeutet, sollte einen festen Platz in zeitgenössischer Musikpublizistik haben.

Seit ich mich erinnern kann, bedeutet elektronische Musik für mich Entdeckungsfreude und Freiheit. Sie erreichte mich in einem kleinen Jugendzimmer mit Dachschräge in der schwäbischen Provinz, über den CD-Brenner und das Internet. Mit dem Mund imitierte ich ihre Sounds, die für mich aus rätselhaften Quellen entsprangen, denen ich stromaufwärts entgegenwandern wollte. Mit gecrackter Software lernte ich, diese Sounds selbst zu erzeugen. Als mir ein paar Jahre später Arnold Schönberg und Steve Reich im Musikleistungskurs der Oberstufe erstmals begegneten, hatten schräge Synthie-Klänge mein Gehör längst vorbereitet.

Über elektronische Musik zu berichten, bedeutet für mich nicht allein, Synthesizer vorzustellen, Schaltkreise zu erklären und Nerds zu interviewen – was alles bereits ausgesprochen toll ist. Es geht auch immer darum, mit Neugier und Aufmerksamkeit etwas über unsere Gegenwart zu erfahren und eine mögliche Zukunft zu erahnen. Darum, sich auch dem unscheinbarsten Knistern zuzuwenden. Es hat etwas zu erzählen. Es ist die Neugier aus dem Zimmer mit der Dachschräge, die mich antreibt und die ich in meinen Hörer*innen wecken möchte. Durch den Reinhard-Schulz-Preis fühle ich mich darin sehr bestärkt. Herzlichen Dank an alle, die diesen Preis möglich machen und damit die Kommunikation über zeitgenössische Musik bedeutend unterstützen!

Dank geht auch an meine Eltern, die die Klänge meiner Jugend nicht nur aushielten, sondern mich darin bestärkten, der Musik einen wichtigen Platz in meinem Leben einzuräumen;an die Dozenten der Schreibwerkstatt für Neue Musik 2011 in Basel, die für mich einiges ins Rollenbrachte: Björn Gottstein, Michael Kunkel, Stefan Fricke und Thomas Meyer – sowie an meinen damaligen Dozenten Achim Heidenreich in Karlsruhe; danke an Frank Hilberg und Katja Teubner von WDR3 für die jahrelange Zusammenarbeit, die Offenheit für meine Themen und den Enthusiasmus in deren Umsetzung; und an all meine Freundinnen und Freunde, deren Knistern mein Leben bereichert.

Köln, 27.08.2020