18. Januar 2021 Reinhard-Schulz-Preis

Laudatio zu Friedemann Dupelius

„Der Technologie ausgeliefert“ – so ist ein Interview überschrieben, das 2019 in der Neuen Zeitschrift für Musik erschien. Der Befragte in diesem Interview ist der Künstlerische Leiter der Donaueschinger Musiktage Björn Gottstein, „Technologie“ war damals das Thema des ganzen Heftes und dies quasi der Leitartikel. Hier und jetzt geht es aber um denjenigen, der dort fragt und aufschreibt und der also wohl auch den Titel des Textes gewählt hat: „Der Technologie ausgeliefert“.

Friedemann Dupelius, Jahrgang 1987 und in Köln zu Hause, ist seit 2011 freier Autor für Rundfunk, Print und Online, daneben auch als Kurator oder im weitesten Sinne Klang-Künstler tätig. Die Zeitschrift Dissonance und der WDR mit seinem Feature-Format „open sounds: Studio Elektronische Musik“ gehören zu seinen regelmäßigen Plattformen.

Studiert hat Friedemann Dupelius (in Köln und Karlsruhe) Musik-, Kultur- und Medienwissenschaft, Musikinformatik und Sound Studies. Und in diesen Themenfeldern – Musikinformatik, Medien, Klangforschung, ist er auch als Journalist zu Hause. Elektronik ist fast immer irgendwie in der Nähe, wenn er schreibt und spricht.

Der Technologie ausgeliefert?

Friedemann Dupelius‘ Sendungen und Artikel, die der diesjährigen Jury zum Reinhard-Schulz-Preis vorlagen, befassen sich immer wieder mit dieser Frage. Wenn Friedemann Dupelius sie stellt, schwingt allerdings wenig Kulturpessimismus mit, eher ganz viel Neugier, eine große Beobachtungsgenauigkeit und Fachkompetenz. Und (sozusagen als Realisationsmotor im Hintergrund) ein eigener kreativer Spieltrieb. Schon 2013 erklärte er in einem Festivalbericht für den SWR, der mich damals überraschte, ebenso verständlich wie selbstverständlich das ehedem noch wenig diskutierte „Live Coding“. Für ein Feature des WDR analysierte er unlängst mit hörbarem Spaß-Anteil die Verwendung synthetischer Stimmen in Kunst und Alltag. Da kann schon mal die Welt zur Bühne werden, es verbirgt sich womöglich das genuin Musikalische in einem Fahrkartenautomat – wie der klein gewachsene Spieler in Walter Benjamins Schach-Maschine. Vielleicht ist viel mehr Klangkunst um uns, als uns gewöhnlich bewusst ist? Dupelius‘ Arbeiten sind dem auf der Spur, und es macht Freude, diesen Spuren zu folgen. Die Nähe des Autors zu seinen Themen führt in diesem Fall nicht in die für die meisten Leser oder Zuhörer langweilige Spezialisten-Falle, vielmehr machen der souveräne Zugriff und die Übersetzungsarbeit von jemandem, der sich viel mit bestimmten Zusammenhängen beschäftigt hat, die behandelten Aspekte im Wortsinn attraktiv – es zieht uns an und hinein in den elektronischen Kosmos.

„Vielleicht hilft auch der Gedanke“, sagt der Interviewer Friedemann Dupelius überraschend am Ende des eingangs erwähnten Gesprächs, „Vielleicht hilft auch der Gedanke, dass wir weniger über die Technik als mir ihr sprechen könnten.“

Wie Friedemann Dupelius dies in Zukunft umsetzt, auch in den erweiterten Möglichkeiten, die mit dem Reinhard-Schulz-Preis verbunden sind, wie sich der Themenkreis von der Intensität dieser Beschäftigung ausgehend womöglich mutig weiter ausdehnen könnte – darauf bin ich wirklich gespannt. Jedenfalls geschieht hier, denke ich, eine Arbeit, die an der Zeit ist, etwas, das wir Zeitgenossen sehr gut gebrauchen können – auch wenn oder gerade weil die Phänomene, denen Friedemann Dupelius nachgeht, auf der Schwelle zwischen Neuer Musik und Lebenswelt so virtuos hin- und her springen.

Mit einem Dank an Anke Kies und die Kolleg*innen im Internationalen Musikinstitut Darmstadt, die diesen Preis in Bewegung halten, und im Namen der gesamten Jury mit Kristin Amme, Gerhard E. Koch, Elisabeth Schwind und Michelle Ziegler gratuliere ich sehr herzlich: Friedemann Dupelius zum Reinhard-Schulz-Preis 2020.

Lydia Jeschke